Halbe Portion

Dank Nigel Slater weiß ich jetzt, was dahinter steckt, wenn ein Ausbildungsbetrieb Stellen und Unterkünfte anbietet. Nämlich die Verheißung: Sie werden mit Sicherheit massenhaft Sex haben. Jedenfalls gilt das im Hotelgewerbe und in den Augen der künftigen Köche, Kellner und Zimmermädchen.
Ansonsten hat das Buch von Slater mit Erotik wenig zu tun. Wohl aber mit Sinnlichkeit und intimen Erinnerungen.
Slater beschwört herauf, was er als Kind je gegessen hat. Und beschreibt die klebrigen Schokoriegel, die bunten Bonbons und die rosa Marshmallows von damals als hätte er sie gerade jetzt auf der Zunge.
Zwangsläufig tauchen eigene Erinnerungen auf: Da gab es doch diese sechseckigen hellbraunen Sahnedrops in einer runden Pappschachtel mit dem Bild eines braunhaarigen rotbäckigen Jungen und eines blonden Mädchens darauf: Außen ein cremiger Überzug zum Ablutschen, innen ein harter brauner Karamelkern, der krachend zersplitterte, wenn man fest zubiss. Kein Bonbon von heute reicht da heran…
Die Kochkünste von Nigels Mutter – der "Kotelett-und Erbsen-Typ“, der eher aus Pflicht als aus Leidenschaft in der Küche stand - beschränkten sich auf angebrannten Toast, Desserts mit Früchten aus der Dose, Rice-Pudding und, erstaunlicherweise als einziges Gericht immer perfekt, Kartoffelpüree. Trotzdem hielten die gemeinsamen Koch- und Backaktionen und Mahlzeiten die Familie zusammen bis Nigel zehn war und die Mutter starb. Dann kam die Stiefmutter, das Essen wurde besser, aber die Familie war verloren.
Lassen Sie sich nicht entgehen, zu lesen, wie und warum aus einem zarten, mäkligen "Muttersöhnchen" der (neben Jamie Olivier) größte Popstar der englischen Küche wurde. Sie werden danach vielleicht nicht besser kochen. Aber Sie werden es so oft wie möglich tun.
Nigel Slater, „Halbe Portion“, Wie ich lernte, die englische Küche zu lieben, Piper Verlag München, Zürich, ISBN – 13: 978-3-492-24672-9


