Mein Enkel drückt sich vor der Schule
Mir fällt auf, dass mein Enkel sich sehr verändert hat, seit er in die Schule geht. Er war früher lebhaft und wissbegierig. Jetzt wirkt er meistens antriebslos und mürrisch. Er mag nicht darüber erzählen, was er lernt. Ich kann seinen unfrohen Zustand kaum mehr mit ansehen…
Theresa Klinger
Das sollten Sie auch nicht. Wenn im privaten Umfeld nichts vorgefallen ist, was diese Wesensveränderung ausgelöst haben könnte, zum Beispiel Konflikte zwischen den Eltern, sind die Gründe am ehesten in seinem äußeren Umfeld, zu suchen, also in der Schule. Denn das Alter zwischen sechs und zehn Jahren ist eine kindliche Entwicklungsphase ohne große innere Sprünge und Brüche. Die sind erst wieder in der Pubertät zu erwarten.
Vielleicht hilft Ihnen die Erfahrung einer Oma aus Berlin, mit der GroßelternReport kürzlich sprach. Ihr jüngster Enkel Jonas (1.Klasse) besuchte sie zunächst öfter als sonst nach der Schule. Später erklärte er morgens seinen Eltern, er fühle sich krank und wolle heute nicht in die Schule, sondern lieber zu Oma.
Natürlich gingen seine Eltern daraufhin mit dem Sohn zum Arzt, der nichts finden konnte. Sie versuchten, herauszufinden, ob das Kind in der Schule überfordert ist oder gemobbt wird. Toni zeigte seine sauber geführten Hefte und Hausaufgaben und nannte Namen von Freunden. Die Eltern, beide berufstätig, machten daraufhin Druck: „Schule ist wie Arbeit. Die macht manchmal Spaß, manchmal nicht. Verkriech dich nicht wie ein kleiner Junge bei Oma!“
Es war die Großmutter, die ein Einlenken bewirkte. „Vertraut dem Kind, lasst ihm Zeit. Irgendetwas ist nicht in Ordnung“, war ihre Position. Jonas verbrachte einige Tage bei Oma. Über Umwege fand sie heraus, dass Jonas glaubte, die Lehrerin könne ihn nicht leiden. Klar ausdrücken konnte er das Gefühl nicht, sondern suchte die Schuld bei sich selbst. Die Großmutter drängte ihre Tochter, den Kontakt zur Schule zu suchen.
Wie sich zeigte, empfand die Lehrerin den impulsiven Jungen tatsächlich als Störenfried und ließ ihn das merken. Jonas, unterfordert und ruhig gestellt, wusste sich nicht anders zu helfen als durch Flucht in Krankheit. Beim Kontakt mit der kurz vor der Pensionierung stehenden Pädagogin konnten die Eltern das nachfühlen. Es kam zum Wechsel in eine Schule mit viel Projektunterricht. Jonas blühte sichtlich auf. „Gut möglich, dass ich Jonas vor einer Schulschwänzer-Karriere bewahrt habe“, meint seine Großmutter.
Trauen auch Sie Ihrem Gefühl. Reden Sie mit Ihrem Enkel ohne direkt nach der Schule zu fragen. Das bringt oft gar nichts. Wenn Sie ein gutes Verhältnis zueinander haben, wird er ihnen vielleicht mehr erzählen als den Eltern. Die stellen Kinder mitunter unter hohen Erwartungsdruck: Es ist heutzutage wichtig, gute Leistungen zu zeigen. Oma und Opa dürfen das etwas gelassener sehen. Sie wissen, bei manchem platzt „der Knoten“ später. Nicht empfehlenswert ist es, sich über die Köpfe der Eltern hinweg in schulische Angelegenheiten einzumischen.
Uta Alexander


